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Weg: Unterricht

Philosophie

Philosophie an der Gesaarn

Muss man das Fach „Philosophie“ überhaupt vorstellen? Zeigen rege benutzte Schlagworte wie Betriebsphilosophie, Ausbauphilosophie, Anlagephilosophie nicht deutlich, dass Philosophie in unserem täglichen Leben eine bedeutsame Rolle spielt? Hat nicht jeder seine eigene Philosophie, Lebensphilosophie? Das sicherlich, doch geben sich Philosophen nicht damit zufrieden in aller Munde zu sein, denn:
„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.“[1]

Wir wollen aber, dass unsere Schüler von der Stelle kommen! Sie sollen die Verwicklungen des Alltags und des alltäglichen Denkens durchdringen können, auch wenn jene nicht immer lösbar sind, können diese doch aufgeklärt werden, dies mag zu einer begründeten eigenen Position führen. Philosophie an der Gesaarn macht also nicht nur mit Philosophie bekannt, das Erkennen und Aufklären philosophischer Problemlagen oder Positionen klärt damit zugleich über die häufig wie für selbstverständlich genommene Lebenswelt und ihre Denkmuster auf.

Immanuel Kant umreißt mit vier Fragen das Aufgabengebiet der Philosophie – die Aufgaben aus dem Königsberg des 18. Jh. sind auch heute noch aktuell.

Was können wir wissen? Was dürfen wir hoffen? Was sollen wir tun? Was ist der Mensch?

Was können wir wissen?
„Der gesunde Verstand ist die bestverteilte Sache der Welt; denn jedermann glaubt, so wohl damit versehen zu sein, dass selbst einer, der in allen anderen Dingen nur sehr schwer zu befriedigen ist, für gewöhnlich nicht mehr davon wünscht, als er besitzt.“[2] René Descartes kannte seine Zeitgenossen um 1637, deshalb fährt er fort, „ich fand mich verstrickt in soviel Zweifel und Irrtümer, dass es mir schien, als hätte ich aus dem Bemühen, mich zu unterrichten, keinen anderen Nutzen gezogen, als mehr und mehr Unwissenheit zu entdecken.“ Descartes´ wäre weiterhin skeptisch. Seit der Mitte des 17. Jh. hat das Wissen über Natur, den Menschen und seine Gesellschaft und Geschichte bedeutend zugenommen, wurde es aber auch sicherer? Ist nicht der Dogmatismus des Mittelalters nur durch eine Vielzahl widerstreitender und sich auch selbst bezweifelnder Meinungen abgelöst worden? In unseren Oberstufenkursen werden an einem Textkorpus, das den Bogen von Platon, über Kant, Hegel und Dilthey bis zur „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (Thomas S. Kuhn) spannt, die Grenzen der Wissenschaften und Erkenntnis thematisiert. Vielleicht mit diesem Ergebnis: „Inzwischen, wenn die Besorgnis, in Irrtum zu geraten, ein Misstrauen in die Wissenschaft setzt, welche ohne dergleichen Bedenklichkeiten ans Werk selbst geht (…), so ist nicht abzusehen, warum nicht umgekehrt ein Misstrauen in dies Misstrauen gesetzt und besorgt werden soll, dass die Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“[3]

Was sollen wir tun? Die Frage nach dem Guten, die Frage nach der `richtigen Moral´ fordert die Begründung, das Einsichtigmachen von Sollen. Warum soll ich etwas tun? Warum unterwerfe ich mich einem fremden Anspruch? Wieso akzeptiert der freie Wille eine Forderung, die ihn zwingt oder zwängt? Während sich Bentham und Mill diese Frage durch Überlegungen zum individuellen und allgemeinen Nutzen und Schaden beantworten, entdeckt Kant in der Struktur des Willens einen Stachel, der den Einzelnen, wenn er nur vernünftig sein will, dazu treibt, das Gesollte als ein von ihm Zuwollendes zu begreifen.
Dass der ehrbare Kaufmann vielleicht umwillen weiterer Kundentreue seine Geschäftspartner nicht übervorteilt, ihnen keine schwach besicherten CDOs andreht, kann auch mit Kant gelöst werden und zeigt die Aktualität philosophischen Denkens und Argumentierens.

Was müssen wir tun (lassen)? Der Mensch sei ein `politisches Tier´, ein Zoon Politikon (griech. ζῷον πολιτικόν, „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“, dies die Auffassung vom Verhältnis von Mensch und Rechts- oder Staatsordnung, der sich von der Antike bis zur Neuzeit viele Philosophen, Staatsjuristen und Theologen angeschlossen haben. Seit Thomas Hobbes jedoch, und die Wirren des engl. Bürgerkrieges und auf dem Kontinent der 30jährige Krieg haben ihn sicherlich dazu angestiftet, wird nach der Rechtfertigung des Staates gefragt, die sich aus dem Willen des Einzelnen ergeben kann. Das bedeutet zweierlei: Staat und politisches Handeln ist nicht mehr natur- oder gottgegeben, sondern es hängt von der Zustimmung und dem `Mitmachen´ der Bürger, der Einzelnen, der Untertanen ab. Das bedeutet für Bürger hinwiederum, dass politisches Handeln nunmehr ihre Beurteilung, Zustimmung oder Ablehnung, erfordert – die Berechtigung von individuellem wie allgemeinem Handeln und Entscheiden wird zu einem zentralen Thema von Gesellschaft, Politik, Recht und Staat.

Was ist der Mensch? Platon meinte, der Mensch sei ein federloses zweifüßiges Tier, Diogenes rupfte daraufhin einen Hahn und sagte, „das ist Platons Mensch!“[4] Shakespeare hält ihn für ein „zertrümmert Meisterstück der Schöpfung“[5]  Goethe entgegnet ihm, dass „die Menschen trotz aller ihrer Mängel das Liebenswürdigste (sind), was es gibt.“ Diese Fragen übersteigen das, was eine Vielzahl von Wissenschaften, die den Stoff für viele Schulfächer geben, herausgefunden haben. Wie die Menschen früher gelebt und sich ev. getötet haben, warum sie ihre Wohnplätze verließen – das ist Thema der Geschichte. Das Zusammenleben in Gruppen, früher, heute und ev. morgen, unterschiedliche Gruppenstrukturen und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen wird in den Sozialwissenschaften thematisiert. Der Körper des Menschen und seine Verwandtschaft mit anderen Körpern (z.B. den Hominiden im Makrobereich) ist Thema der Biologie.
In der Philosophie, vielleicht verstärkt im Bereich der Praktischen Philosophie, wird jedoch danach gefragt, Wer / Was bin ich? Was macht jeden Einzelnen aus? Der Mensch hat sich vielleicht vieltausendfach gewandelt, was ist aber der Mensch, der sich da wandelt im Laufe seiner langen Wanderung vom Baumbewohner zum Mondwanderer?                            B. Hamm

© FK Philosophie der Gesamtschule Mülheim-Saarn

 


[1] Hegel, Georg W.F.;  Phänomenologie des Geistes; Jena 1806;  Vorrede, Absatz 31

[2] Descartes; Discours de la Méthode (übersetzt von L. Gäbe)

[3] Hegel, Georg W.F.; Phänomenologie des Geistes; Einleitung, 2. Absatz

[4] Vgl. Hierzu O. Apelt, (Hrsg. Und Übersetzer); Diogenes Laertius. Leben und Meinungen berühmter Philosophen; Hamburg, 1967;;S. 314

[5]Shakespeare, William; King Lear; Gloucester in IV, 6

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